Neuer Deutscher Rekord in der Disziplin NLT durch Jennifer Wendland

Jennifer Wendland krönt sich auch in der Tieftauchdisziplin NLT zur neuen Deutschen Rekordhalterin

Seit dem 09.10.2018 steht in den AIDA-Rekordlisten der Damen hinter jeder Tieftauchdisziplin für das Freiwasser der gleiche Name: der von Jennifer Wendland. Nachdem für Jennifer die Saison 2018 schon erfolgreich mit einem neuen Deutschen Rekord in der Disziplin Variable Weight (105m, aufgestellt am 06.08.2018 in Sharm El Sheik) begonnen hatte und sie 2017 bereits die Rekorde in den Disziplinen Constant Weight (CWT), Free Immersion (FIM) und Constant No Fins (CNF) nach oben, bzw. nach unten geschraubt hatte, blieb nur noch eine verbleibende Bestmarke, die es zu knacken galt: die von Anna von Boetticher aus dem Jahr 2012 datierende bisherige Bestleistung von 110m in der Disziplin No Limit. Mit ihrem erfolgreichen Tauchgang auf 117m verbesserte Jennifer diese Hausnummer deutlich, vorausgegangen waren wochenlange und akribische Vorbereitung auf dem Sinai. Sie würde übrigens mit dieser Tiefe auch das Ranking der Herren anführen, deren Rekord (aufgestellt von Andreas Pap) mit 115m aus dem Jahr 2014 datiert.

Die No-Limit-Disziplin ist aufgrund der hohen Geschwindigkeiten beim Auf- und Abstieg – runter wird man von einem Schlitten gezogen, nach oben geht es mit Hilfe eines Ballons – sowie der innerhalb der Tiefendisziplinen größten erreichbaren Tauchtiefen eine nicht ungefährliche. Sie stellt besondere körperliche, mentale und auch organisatorisch-planerische Herausforderungen an die Athletin: Der Körper muss über Wochen langsam an die besonderen Belastungen der extremen Tiefe herangeführt werden. So gilt es zum Beispiel durch zahlreiche Wiederholungstauchgänge in zunehmende Tiefen eine Steigerung der Tauchantwort (des sog. diveresponse) zu erreichen. Auch die Lunge muss an die Tiefe adaptiert werden: Unter Druck findet eine Umverteilung des Blutes von den Extremitäten hin zur Körpermitte statt, was die Lunge vor Druckverletzungen schützt – durch das Training kann eine Zunahme der Dehnungsfähigkeit der Lungengefäße erreicht werden. Die Wiederholungstauchgänge helfen auch dabei, widerstandsfähiger gegen die narkotische Wirkung der Atemgase zu werden, von denen in solchen Tiefen und Druckverhältnissen auch Apnoetaucher betroffen sein können. Es gilt, zahlreiche Abläufe solange zu wiederholen, bis diese zu Automatismen geworden sind: Bewegungsabläufe wie das sichere und ökonomische Bedienen des Schlittens und des Hebesacks, Tauchfähigkeiten wie das rasche und fortwährende Herstellen-Können des Druckausgleichs bei hoher Sinkgeschwindigkeit, das perfekte Timen des Mouthfills oder auch Fähigkeiten zur Entspannung bei gleichzeitigem Wahren des Fokus.

In einigen Videos hat uns Jennifer bereits an wichtigen Teilen ihrer Vorbereitung teilhaben lassen, auch das Video des Rekordtauchganges findet sich im Upload ihres Youtube-Kanals, auf den wir an dieser Stelle für weitere Informationen verweisen möchten. Jennifer hat sich darüber hinaus aber gerne bereit erklärt, auch einige weitere Fragen zu beantworten.

Liebe Jennifer, Herzlichen Glückwunsch zu deinem Deutschen Rekord in der Disziplin NLT. Den am Wettkampf interessierten Freitauchern in Deutschland bist Du seit Jahren ein Begriff, gib uns doch trotzdem ein wenig Gelegenheit, dich, deine Motivationen und Beweggründe ein bisschen besser kennenzulernen:

Mit dem Aufstellen eines neuen Rekordes in NLT hast Du dich auch in der letzten Tieftauchdisziplin in die Deutschen Rekordbücher eingetragen. Was macht für dich den besonderen Reiz dieser Disziplin, verglichen mit den anderen aus?

J.W.: „Eigentlich bin ich kein so großer Fan des Tauchens mit dem Schlitten. Es macht mir viel mehr Spaß mich aus eigener Kraft durchs Wasser zu bewegen und dabei effizient und elegant in Tiefe und wieder an die Oberfläche zu kommen. So ein Schlitten ist doch eher klobig. Aber er hat einen großen Vorteil: er erlaubt es mir mich völlig auf den Druckausgleich zu konzentrieren. Mein Trainer Marco und ich hatten beschlossen das Jahr 2018 mit intensivem Druckausgleichstraining zu beginnen, wozu wir den Schlitten genutzt haben. Als der Druckausgleich dann so gut klappte, dass die deutschen Rekorde in Variablem Gewicht und No-Limits greifbar wurden, haben wir mit dem spezifischen Training für die Rekorde begonnen“.

Das No-Limit-Tauchen wird aufgrund prominenter und zum Teil schwerer und sogar tödlicher Unfälle in der Vergangenheit sehr kontrovers diskutiert: Was hast Du in der Vorbereitung auf deinen Rekordversuch unternommen, um ein Höchstmaß an Sicherheit und Kontrolle sicherzustellen?

J.W.: „Die Sicherheit hängt nicht im Wesentlichen davon ab, ob man mit oder ohne Schlitten taucht, sondern wie man sein Training gestaltet und wie ernsthaft man sich mit der Sicherheit auseinander setzt. Im Training haben wir uns sehr viel Zeit gelassen. Ich musste im ersten Schritt eine bequeme Position auf dem Schlitten finden und mich an die hohe Geschwindigkeit gewöhnen. Die anfangs geringeren Tiefen haben wir dazu genutzt, sämtliche Sicherheitsvorkehrungen und Notfallpläne zu testen. Wir haben uns dann langsam in größere Tiefen vorgearbeitet, damit mein Körper sich an die Herausforderungen der Tiefe, Narkose und Bloodshift, gewöhnen konnte. Und was mir auch wichtig war, wir sind nicht tiefer getaucht, als ich aus eigener Kraft wieder an die Oberfläche zurück kann“.

Du erwähntest in einem deiner Videos, dass für dich das Tieftauchtraining in heimischen Gewässern aufgrund der zumeist mangelnden Tiefe sowie der dort anzutreffenden erschwerenden Bedingungen (Sicht, Kälte, Sicherheitsaspekte) keine Alternative zum Tauchen im Roten Meer sei. Wie gelingt es dir, dich über Wochen fern der Heimat (und der Familie?) so fokussiert auf dein Ziel zu halten?

J.W.: „Ich glaube, weil ich nicht auf ein bestimmtes Ziel hinarbeite. Ich möchte so viel wie möglich lernen und erfahren. Freitauchen ist für mich eine Entdeckungsreise, die scheinbar nie langweilig wird. Fast jeden Tag lerne ich etwas über mich, über Physiologie, über Schwimmtechnik, über den Druckausgleich. Das treibt mich das ganze Jahr über an. Wenn ich in Deutschland bin, fokussiere ich mich auf Schwimmtechnik, Flexibilität und generelle Fitness. Durch die längeren Phasen ohne Tieftauchen freue ich mich auch immer richtig auf das Training in Ägypten“.

Die mentalen Herausforderungen für das Tieftauchen auf einem Niveau wie deinem und insbesondere vor Rekordversuchen stelle ich mir immens vor. In sämtlichen deiner Videobotschaften, die Du uns in den Wochen und Tagen davor zur Verfügung gestellt hast, wirkst Du allerdings stets fokussiert und gleichzeitig entspannt, selbstbewusst und voller Vorfreude. Gibt es auch Momente und Phasen der Nervosität, des Zweifelns oder Ängste bei dir, vor, aber auch während des Tauchganges?

J.W.: „Ich habe auch mal schlechte Tage, kann mich nicht konzentrieren oder habe Probleme mit der Umsetzung einer Technik. In solchen Momenten tauchen wir dann einfach weniger tief und nehmen damit Stress aus dem Training. Wenn ich Angst vor einem Tauchgang habe, dann bin ich einfach noch nicht bereit dafür. Wir trainieren immer so, dass der nächste Schritt in die Tiefe für mich keine große Herausforderung mehr darstellt und insbesondere keine Angst auslöst. Erst wenn ich eine bestimmte Tiefe mehrfach entspannt und technisch sauber getaucht bin, dann geht es ein paar Meter tiefer. Daher bin ich vor den Rekordversuchen auch so entspannt und zuversichtlich gewesen. Ich habe die Tauchgänge vorher schon mehrfach im Training gemacht, teilweise auch in größerer Tiefe“.

Kannst du uns etwas über deine weiteren Pläne erzählen? Wird man dich jetzt, wo Du alle Rekorde in den Freiwasserdisziplinen hältst, eventuell wieder öfter im See oder auf Poolcompetitions sehen können?

J.W.: „Im kommenden Jahr möchte ich auf jeden Fall im September an der WM in Nizza teilnehmen. Darauf werde ich mein Wintertraining bereits ausrichten. Vielleicht wird man mich ab und an im See antreffen können, wo ich versuche mich an das Tauchen im kalten Wasser zu gewöhnen. Das Mittelmeer ist in der Tiefe schließlich auch nicht so warm wie das rote Meer. An Pool-Wettkämpfen werde ich weiterhin eher selten teilnehmen, weil ich derzeit einfach nicht die Möglichkeit habe dafür vernünftig zu trainieren“.

Liebe Jenny – vielen Dank für das Interview und dir weiterhin viel Erfolg!

Bitte akzeptieren Sie YouTube-Cookies, um dieses Video abzuspielen.
Durch Ihre Zustimmung erhalten Sie Zugriff auf Inhalte von YouTube, einem Dienst, der von einem externen Dritten bereitgestellt wird.
YouTube Datenschutzerklärung
Wenn Sie diesen Hinweis akzeptieren, wird Ihre Auswahl gespeichert und die Seite wird aktualisiert.

Please accept YouTube cookies to play this video. By accepting you will be accessing content from YouTube, a service provided by an external third party.

YouTube privacy policy

If you accept this notice, your choice will be saved and the page will refresh.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.